Videokonferenzen in der Lehre

Videokonferenzen sind in aller Munde. Dennoch spreche ich lieber von „Webkonferenzen“ oder „Live-Online-Lehre“ – weil wir uns mit den Teilnehmern in der Regel nicht nur per Videoübertragung verständigen, sondern in der Regel auch Audio-Verbindung, Text-Chats, Bildschirmfreigaben und weitere webbasierte Kanäle für die Zusammenarbeit nutzen.

Ist Live-Online-Lehre wie Präsenzlehre – nur eben online?

Die Einschätzung von Lehrenden und Studierenden, ob Lehre im virtuellen Klassenzimmer ähnlich wie eine Präsenzveranstaltung erlebt wird, hängt davon ab, wie die Live-Online-Lehre didaktisch gestaltet ist und welche technischen Möglichkeiten für die Kommunikation und Interaktion genutzt werden. Trotz erfahrbarer Parallelen sind aus sozialwissenschaftlicher Perspektive deutliche Unterschiede zwischen Präsenz- und virtueller Kommunikation benennbar.

Beispielsweise beschreibt der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl in einem Artikel vom Mai 2020 den Unterschied zwischen Interaktion unter Abwesenden (synchrone Online-Lehre) und Interaktion unter Anwesenden (Präsenzlehre). In diesem Artikel erläutert Kühl, wie sich die Möglichkeiten der wechselseitigen Wahrnehmung der Kommunikationspartner im Zuge des Aufkommens performanter Webkonferenzsysteme verändert und verbessert haben. Gleichzeitig stellt er heraus, dass im virtuellen Klassenzimmer trotz der Möglichkeiten nonverbaler Kommunikation nicht dieselbe „Spannung“ einer interessanten Diskussion spürbar ist und ein „Lachen“ das Publikum weniger ansteckt als in einer Präsenzsituation. Interessant und relevant ist auch der Unterschied in den Selbstdarstellungsmöglichkeiten für die Beteiligten – sowohl für Lehrende als auch für Studierende. Die Beschränkung der Selbstdarstellungsmöglichkeiten führt einerseits dazu, dass Aufmerksamkeitsspannen kürzer werden, was die Notwendigkeit kleinerer Lehreinheiten erneut begründet. Andererseits ist die eingeschränkte Selbstdarstellung in bestimmten Kontexten auch als Vorteil zu sehen, da der Fokus der Interaktion auf das Wesentliche gelenkt wird und die Sachdimension in den Vordergrund rückt. Die technische Filterwirkung, die von Lehrenden häufig beklagt wird, bietet somit auch vielfältige Chancen zur Gestaltung der zwischenmenschlichen Interaktion. Kühl plädiert dafür, dass Lehrende die technischen Möglichkeiten zur Interaktion mit Abwesenden stärker und bewusster ausschöpfen sollten.

In einem Artikel vom Oktober 2020 schlüsselt der Mediendidaktiker Michael Kerres die Merkmale videobasierter Kommunikation und deren Implikationen für die Gestaltung synchroner Online-Lehrveranstaltungen auf. So kann die Verwendung von Videoübertragung das Erleben sozialer Präsenz zwar steigern, aber Blickkontakt dennoch nicht ermöglichen, was wiederum Rollen- und Sprecherwechsel in der Live-Online-Lehre erschwert. Gleichzeitig gehen mit der Videoübertragung auch Belastungsfaktoren einher. Zum einen kann es sich ungünstig auf die soziale Interaktion auswirken, permanent das eigene Videobild gespiegelt zu bekommen, da dieser nicht-natürliche Zustand das Beschäftigen mit der eigenen Inszenierung fördert. Zum anderen sind nonverbale Informationen schwieriger zu entschlüsseln, wenn jede Person alle anderen Teilnehmer gleichzeitig sieht (während man in der Präsenz die meisten anderen nur von hinten oder von der Seite sieht). Darüber hinaus können (i.d.R. ungewollte) Video-Mitschnitte leicht und unbeobachtet durchgeführt werden. Vor dem Hintergrund dieser Informationen erscheint es sinnvoll, Videoübertragung gezielt zur Umsetzung bestimmter didaktischer Methoden einzusetzen und Teilnehmerinnen im Umgang mit den Videoeinstellungen (Sprecher-/Galerieansicht, Selbstansicht, usw.) anzuleiten.

Wie kann Live-Online-Lehre dem Format entsprechend gestaltet werden?

Aufgrund der oben dargestellten Besonderheiten sollte Live-Online-Lehre nicht auf die oft herbeigesehnte, Non-Stop-Videoübertragung aller Teilnehmer reduziert werden, da diese psychologisch betrachtet eben auch Belastungen mit sich bringt, die zu Lasten des Lehr-/Lernprozesses führen können. Die Unterschiede in der Kommunikationssituation zeigen ferner, dass Präsenzveranstaltungen nicht 1:1 in virtuelle Räume übertragen werden sollten. Dennoch ist Live-Online-Lehre keine Lehre zweiter Klasse, sondern eine „andere“ Lehre, die ihre Stärken genauso mitbringt wie ihre Bedingungen. Neben technischen Voraussetzungen gilt es vor allem die Didaktik auf den Prüfstand zu stellen: Aufgrund der kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und des Ablenkungspotenzials eignet sich synchrone Online-Lehre nur bedingt für umfangreiche Vorlesungen / Vorträge / Frontalunterricht, bei denen Teilnehmer eine rezipierende Rolle einnehmen.

Vielmehr entfaltet Live-Online-Lehre ihr Potenzial in interaktiven und kooperativen Lernaktivitäten, weshalb sie sich gut mit einer Flipped-Classroom-Didaktik kombinieren lässt. Werden die technischen Möglichkeiten zur Interaktion genutzt und Online-Lehrveranstaltungen so gestaltet, dass die Teilnehmenden stark am Lehrprozess beteiligt sind (Abfragen, Gruppenarbeiten, Quizze, Brainwritings, Umfragen, Tafelbilder, etc), empfinden Lehrende und Studierende die Live-Online-Lehre „wie eine Präsenzveranstaltung“ – mit dem angenehmen Begleitumstand, dass man sich das Zugticket spart und für Gruppenarbeiten keine Möbel rücken muss.

Fazit: Ein anderes Mindset für eine andere Form der Lehre! Wenn wir Live-Online-Lehre vor dem Hintergrund ihrer Möglichkeiten betrachten anstatt vor dem Hintergrund ihrer Unzulänglichkeiten, kann sich dies positiv auf die Gestaltung und Umsetzung dieses Lehrformats auswirken. Durch die Zerlegung von Unterrichtsstoff in kleinere Lehreinheiten, den Einsatz von Maßnahmen zum Aufbau von Nähe und Vertrauen im virtuellen Raum sowie durch hohe Beteiligung der Lerner mit aktivierenden Methoden, lassen sich sehr interaktive, persönlich ansprechende und produktive Online-Lehrveranstaltungen gestalten, die enorme räumliche Flexibilität bieten, die digitalen Kompetenzen der Studierenden fördern und auch den Lehrpersonen Spaß machen.

Warum ist Live-Online-Lehre ein interessantes Lehrformat?

Im Vergleich zu anderen E-Learning-Formaten, die auf die Distribution von Lernmedien und/oder zeitversetzte Kommunikation fokussieren, bringt Live-Online-Lehre aufgrund der im Stundenplan festgehaltenen (wöchentlichen) Termine mehr Verbindlichkeit in den Lernprozess der Studierenden. Definierte Zeitfenster korrespondieren zudem mit der Systematik der Deputatsabrechnung auf Seite der Lehrperson.

Für Zielgruppen, die aus beruflichen, familiären oder gesundheitlichen Gründen eingeschränkt sind, um (regelmäßig) Präsenztermine am Campus wahrzunehmen, wird die Teilnahme an Lehrveranstaltungen durch Live-Online-Lehre erleichtert. Auch Lehrbeauftragte und Experten, die ihren Wohnort nicht in der Nähe der Hochschule haben, können dieses Format einsetzen, um geografische Entfernungen zu überwinden. Live-Online-Lehre schafft Kontakt trotz räumlicher Distanz.

Live-Online-Lehre erleichtert die Interaktion in Großgruppen. Wissenstests per Abstimmungswerkzeug oder Umfragen über den Text-Chat können in Online-Veranstaltungen durchgeführt werden, ohne dass auf ein anderes Medium gewechselt werden muss. Gruppenarbeiten können leichter und schneller organisiert werden, ohne dass geeignete Seminarräume gefunden, räumliche Gegebenheiten angepasst oder physische Hilfsmittel (z.B. Flipcharts, Pinnwände) bereitgestellt werden müssen. Durch eine interaktive Gestaltung der Live-Online-Lehrveranstaltung mit hoher Beteiligung der Studierenden kann verhindert werden, dass die Teilnehmer hinter dem Bildschirm aus der Spur geraten oder gar verschwinden.

Live-Online-Lehre fördert die digitalen Kompetenzen der Studierenden. Das Kommunizieren und Interagieren in Webkonferenzsystemen ist vielen Studierenden oft nur aus privaten (1:1) Videochats bekannt. Mit Live-Online-Lehre haben Professor*innen und Lehrbeauftragte die Chance, ihren Studierenden Beispiele und Übungsgelegenheiten zu bieten, wie sie in virtuellen Räumen interaktiv und produktiv zusammenarbeiten können. Dies ist eine digitale Kompetenz, die in der Arbeitswelt dringend benötigt wird (z.B. Online-Meetings bei räumlich verteilten Teams).

Nicht zuletzt schafft das Format (außerhalb von Corona-Zeiten) eine Abwechslung zu herkömmlichen Präsenzveranstaltungen. Hierzu liegen zahlreiche positive Rückmeldungen von Studierenden vor.

Ist Live-Streaming auch eine Videokonferenz?

Ja, auch Live-Übertragungen zwischen Hörsälen werden technisch als Videokonferenz umgesetzt. Aber: Unter Live-Online-Lehre wird hier NICHT das Live-Streaming von Präsenzlehrveranstaltungen per Videoübertragung verstanden, bei denen zwei oder mehr Teilnehmergruppen aus verschiedenen Hörsälen bzw. Standorten unter unterschiedlichen technischen und psychologischen Voraussetzungen an einer Veranstaltung teilnehmen.

Live-Online-Lehre meint synchrone Online-Veranstaltungen, an denen jede Person von ihrem eigenen Arbeitsplatz und Endgerät aus über das Internet teilnimmt. Durch dieses Setting können alle Teilnehmer unter demselben „virtuellen Dach“ integriert und einbezogen werden. Jeder Teilnehmer erhält dieselben technischen und psychologischen Chancen, mit der Lehrperson und mit anderen Studierenden zu kommunizieren und zu interagieren. Bei der Live-Online-Lehre ist der Dozent jedem Studierenden „gleich nah“ und die Wahrnehmung von getrennten Gruppen („Wir hier am Campus X, die dort am Campus Y“) wird vermieden.

Ist asynchrone Online-Lehre überholt?

Nein. Der Wert asynchroner Formate, bei denen es keine festen Veranstaltungstermine gibt, liegt darin, dass sowohl Lehrende als auch Studierende Bearbeitungszeit und Tempo flexibler auf die eigenen Bedürfnisse anpassen können. Beispielsweise haben Studierende Einfluss auf den konkreten Zeitpunkt für das Durcharbeiten eines Skripts / Lernvideos oder das Bearbeiten einer Aufgabe. Auch können sie sich beim Verfassen eines Diskussionsbeitrags mehr Zeit lassen als in synchronen Settings. Das Mehr an Zeit zum Nachdenken und Reflektieren kann sich positiv auf die Quantität und Qualität eines Beitrags auswirken. Lernaktivitäten, die auf schriftlicher Kommunikation basieren, können genutzt werden, um die akademische Schreibkompetenz der Studierenden zu fördern. Darüber hinaus können asynchrone Formate technisch niederschwelliger aufgesetzt und auch bei ungünstigen Rahmenbedingungen der Beteiligten (z.B. schwache Internetverbindung) durchgeführt werden. Nichtsdestotrotz erfordern Formate mit zeitversetzter Kommunikation mehr Eigenverantwortung und Selbstdisziplin vom Lerner, so dass die Eignung asynchroner Settings je nach Zielgruppe und Fachgebiet variiert. Selbstverständlich können im Sinne von „Blended Learning“ asynchrone und synchrone Formate gewinnbringend miteinander kombiniert werden.

Fazit

Die Wahl der Mittel hängt von Ihren Lehr-/ Lernzielen ab. Setzen Sie diejenigen Methoden und (klassischen oder digitalen) Medien ein, die Ihre Vorstellung guter Lehre am besten unterstützt!